Grounding ist der günstigste Biohacking-Ansatz, den es gibt: Schuhe ausziehen, barfuß auf den Boden stellen, fertig. Trotzdem – oder gerade deshalb – lohnt sich ein nüchterner Blick auf die Studienlage, bevor man sich eine Erdungsmatte bestellt.
Was Grounding überhaupt sein soll
Grounding (auch „Erden“ oder „Earthing“) meint den direkten Hautkontakt mit dem Erdboden – barfuß auf Gras, Sand oder Erde stehen oder laufen. Die zugrunde liegende Idee: Die Erdoberfläche trägt eine schwach negative elektrische Ladung, und der direkte Kontakt soll den Körper mit freien Elektronen versorgen, die oxidativen Stress abpuffern können. Weil die meisten Menschen den Tag über in isolierenden Schuhsohlen verbringen, geht dieser Kontakt im Alltag praktisch komplett verloren – Grounding will genau das zurückbringen.
Was die Studien wirklich zeigen
Eine kleine Gruppe von Studien – vor allem von den Autoren Chevalier und Oschman – berichtet positive Effekte: geringere Blutviskosität, veränderte Entzündungsmarker, ein normalisierter Cortisol-Tagesrhythmus und besserer Schlaf bei geerdeten Probanden. Das klingt zunächst überzeugend.
Praktisch: barfuß draußen vs. Erdungsmatte
- Barfuß draußen (kostenlos): Gras, Sand, Erde oder Kies leiten – Asphalt, Beton und die meisten Böden in Innenräumen dagegen kaum bis gar nicht. Ein Spaziergang barfuß im Park oder Garten ist der einfachste Einstieg, ganz ohne Produkt.
- Erdungsmatten/-laken: Werden über ein Kabel mit dem Schutzleiter einer Steckdose verbunden und sollen den Effekt drinnen (Büro, Bett) nachbilden. Nur an einer korrekt geerdeten, funktionierenden Steckdose sinnvoll – im Zweifel vorher fachgerecht prüfen lassen.
- Kombinierbar: Wer ohnehin gerne draußen ist, kann Grounding einfach in bestehende Routinen einbauen – etwa direkt vor oder nach einem Kaltwasser-Reiz oder als kurze Pause zwischendurch.
Wer vorsichtig sein sollte
Bei Herzschrittmachern oder anderen implantierten elektronischen Geräten vorher ärztlichen Rat einholen, bevor eine Erdungsmatte mit direktem Hautkontakt genutzt wird. Barfußlaufen im Freien birgt die üblichen praktischen Risiken (Glasscherben, Frost, scharfkantige Steine) – gesunder Menschenverstand reicht hier meist aus.
Mein Fazit
Grounding ist der günstigste Biohacking-Ansatz überhaupt – man braucht nichts außer nackten Füßen und etwas Grün oder Sand in der Nähe. Die Studienlage ist vielversprechend, aber dünn und mit erkennbaren Interessenkonflikten behaftet, also keine Wunderwirkung erwarten. Barfuß draußen unterwegs zu sein ist aber ohnehin eine gute Idee – für Bewegung und Naturkontakt, ganz unabhängig davon, ob die Elektronen-Theorie am Ende hält, was sie verspricht.
- Chevalier G, Sinatra ST, Oschman JL, Sokal K, Sokal P (2012): Earthing: Health Implications of Reconnecting the Human Body to the Earth's Surface Electrons. Journal of Environmental and Public Health.
- Chevalier G et al. (2013): Earthing (Grounding) the Human Body Reduces Blood Viscosity – a Major Factor in Cardiovascular Disease. The Journal of Alternative and Complementary Medicine.
- Oschman JL, Chevalier G, Brown R (2015): The effects of grounding (earthing) on inflammation, the immune response, wound healing, and prevention and treatment of chronic inflammatory and autoimmune diseases. Journal of Inflammation Research.


